Napoli

napoli

Neapel ist und bleibt Ristows liebstes Vehikel zum Verständnis des alten und modernen Europas und seiner kulturgeschichtlichen Bedingungen. Nach ersten Begegnungen mit der Stadt am Fuße des Vesuvs Mitte der 90er Jahre, die von ihrem Professor Jannis Kounellis angeregt wurden, kehrt sie immer wieder dorthin zurück. Seit vielen 1998 arbeitet sie kontinuierlich mit den Editeuren Vittorio Avella und Antonio Sgambati. In der Fondazione Morra verbringt sie 2010 einige Monate mit ihrem neuen Forschungsprojekt „Cinacitta“ und auch in anderen Jahren gibt es immer wieder Anlässe für Kooperationen mit neapolitanischen Institutionen. Seit 2006 gibt es für Künstlerkollegen, Kunstfreunde und interessierte Kuratoren den Kunstverein CAPRIBATTERIE e. V., dessen erste Vorsitzende Ristow seither ist. Neapel ist nicht nur eine Stadt, sondern eine Geisteshaltung. Wer Europa verstehen will, muß Neapel kennenlernen.

CAPRIBATTERIE                                                Kunsttransfer Napoli-Düsseldorf

napoli | Susanne RistowNeapel und Düsseldorf sind zwei europäische Städte mit sehr unterschiedlichen und komplexen Kunstszenen. Die Verbindungen und Kontakte zwischen beiden Kapitalen haben eine ebenso große Tradition wie sie der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Viele Künstler aus dem Rheinland reisten in die Region Kampaniens und suchten in Neapel, auf Ischia und Capri sowie an der amalfitanischen Küste nicht nur Erholung sondern realisierten dort immer wieder auch maßgebliche künstlerische Werke oder nutzten das Sehnsuchtspotential dieser Gegend für ihre Arbeit. Im Gegenzug hat die Kunststadt Düsseldorf für Künstler und Kunstinteressierte aus Neapel nichts an seiner enormen Anziehungskraft verloren.
Das Austauschprojekt CAPRIBATTERIE mit jungen bildenden Künstlern beider Regionen soll die Verbindung der Kunstmetropolen wieder aktivieren und enger knüpfen.
Vorgesehen sind gegenseitige Gastaufenthalte von mehreren Wochen, deren Abschluss jeweils die Eröffnung einer Ausstellung vor Ort bildet. Fahrt- bzw.Flugkosten und Unterkunft sollen für die Künstler kostenfrei sein. Arbeitsmöglichkeiten / Gastateliers werden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit leisten die beteiligten Institute. Geplant ist ein wechselseitiger Austausch über einen Zeitraum von drei Jahren, wobei in jedem Jahr zu etwa drei Terminen neapolitanische Künstler nach Düsseldorf kommen sollen und umgekehrt Künstler aus Düsseldorf nach Neapel reisen. Begleitend dazu können auch Performances oder progressive Theateraktionen stattfinden. CAPRIBATTERIE wird etwa 15 Künstler aus jeder Stadt zum Aufladen dieses Projektes auffordern. Dabei ist es erforderlich, dass die Künstler thematisch zu dem Projekt Bezug nehmen bzw. in situ Werke realisieren. Ein Kuratorium trifft die Auswahl der Künstler. Zum Abschluss des Projektes wird in jeder Stadt mit allen beteiligten Künstlern eine Gruppenausstellung in einem öffentlichen Kunstinstitut stattfinden, die auch historische Positionen einbeziehen kann. Dazu wird ein Katalog die Ausstellung sowie das gesamte Projekt dokumentieren und auch die historischen Bezüge zwischen Neapel und Düsseldorf aufarbeiten.
Der Titel des Kunstprojektes bezieht sich auf eine in der Sammlung des K20 Düsseldorf befindliche Arbeit von Joseph Beuys und spielt nebenbei auf das Gemälde von Martin Kippenberger „Capri bei Nacht“ an. Damit sind die künstlerischen Referenzen nur angedeutet, unter denen sich das Projekt entfalten soll und zu einem energiegeladenen, kraftvollen Akkumulator wachsen soll.

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Abschlussbericht an den DAAD (2000)

Ich will den Abschied mit dem Lamento einer verlorenen Revolution beginnen, Neapel 1799, der Sieg der klerikal-monarchsitischen Reaktion über ein bemerkenswert freidenkerisches Aufklärertum, das weniger dem in Neapel stets etwas unterbesetzten Bürgertum entsprang, als der Gruppe intellektueller Aristokraten der Stadt, die mit den französischen Ideen sympathisierten.
Eines Tages im wilden Verkehr Neapels an einer vielbefahrenen Kreuzung wurde ich auf ein „Denkmal der Grausamkeit“ hingewiesen, im Vorüberfahren nahm ich undeutlich ein großes, düsteres Kreuz mit einer Dankesinschrift war. Später wurde mir klar, dass jener Dank den hunderten von Hinrichtungen im Jahre 1799 galt, von denen ein Großteil in der Kirche Santa Maria del Carmine und auf dem Platz davor, der Piazza Mercato unter dem Beifall des versammelten Klerus stattfanden. Die gesamte intellektuelle und aufklärerische Elite einer Stadt wurde in wenigen Wochen fast komplett vernichtet. (Es gehört nur zu den typischen in maßlose gesteigerten Grausamkeiten dieser Stadtgeschichte, dass es mit den Enthauptungen nicht getan war, sondern ein Fleischhändler das Fleisch der Getöteten reglrecht „verwurstete“ und zum Verkauf feilbot, dies ist keine wilde Anekdote, sondern geschichtliche Tatsache).
Wo keine Auflärung stattfinden konnte, konnte auch der Rationalismus sich kaum breit machen, was zeitweise sehr faszinierend, oft jedoch ausgesprochen lästig ist, da es schwierig bis unmöglich ist, eine auch nur annähernd „vernünftige“ Diskussion zu führen, bei der nicht alles schlichtweg Ansichtssache oder das unveränderliche Resultat eingefleischter Traditionen ist. Ein typisches Beispiel neapolitanischer Logik lautet „Non é vero, ma ci credo“ (Es ist nicht wahr, aber ich glaube es).
Umso interessanter ist es, dass es seit nunmehr zwanzig Jahren ein renommiertes philosophisches Institut in dieser Stadt gibt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Gedenken der „philosophischen Märtyrer“ von 1799 eine in jeder Hinsicht hochrangige intellektuelle Arbeit zu leisten, die sich in vielfältigen, übrigens öffentlichen, Vorträgen, Seminaren, Ausstellungen und Konzerten manifestiert. Ebendort, im Instituto Italiano per Studii Filosofici fanden wir uns im Mai 1999 (200 Jahre nach der gescheiterten Revolution) ein zum Seminar über Parmenides mit Prof. Dr. Paul Good, Dr. Peter Foos (Philosophie), Prof. Dr. Wolfgang Meisenheimer (Architektur) und Studenten aus Düsseldorf (wozu im übrigen auch sehr eindrückliche Exkursionen nach Paestum und Velia gehörten). Es würde an dieser Stelle zu weit führen, gebührend von diesem Seminar zu berichten, ich erwähne es hier, da an den Diskussionen mit den Besuchern aus Deutschland ein wichtiger Aspekt Neapels deutlich wurde, von dem ich in meinem Zwischenbericht als Vieldeutigkeiten, Mehrdeutigkeiten, Undeutlichkeiten sprach, was ich hier den bewussten Erhalt von Unklarheiten nennnen möchte.
Parmenides, der es seinerzeit mit den Neapolitanern griechischer Zeit zu tun hatte, klagt ganz zu recht über die „Doppelköpfigkeit“ seiner Mitmenschen und versucht einen ersten Ansatz einer Logik des Ausschlusses einer Eigenschaft bei Bestehen einer gegensätzlichen Eigenschaft: Wenn dies schwarz ist, dann ist es nicht weiss, der Versuch des Ausbruches aus der reichhaltigen, aber verschleiernden Sprache des griechischen Mythos, dem Parmenides aber dennoch gleichzeitig verpflichtet bleibt. Diese Gleichzeitigkeit machte ihn für unsere Betrachtungen vor Ort so interessant.
Für die Neapolitaner gilt heute wie vor 3000 Jahren die Kunst des sich Arrangierens und größter Flexibilität als höchste Lebensform, und unter einem Übermaß an logischer Denkordnug leidet keiner von ihnen, auch für uns selbstverständliche „venünftige“ Lebenshilfen, wie z. B. vorausschauendes Handeln, sind ihnen völlig fremd. Der vielzitierte „Anarchismus“ dieser Stadt ist ungewollt gewollt. Die Unmöglichkeit zu planen ist weniger „mentalitätsbedingt“, wie es Vorurteile beschreiben, als bittere Realitätserfahrung mit historischer und gegenwärtiger Übermacht, seien es nun Spanier, Camorristen oder korrupte Bürokraten. „Non se deve dare mai niente per contato“ (sinngemäß: man sollte nie fest mit etwas rechnen, sich einer Sache nie zu sicher sein).

Damit zu tun hat das sehr vertrauliche Verhältnis mit dem Tod, die neapolitanische Kultur und Folklore ist voll vom Bewusstsein der Vergänglichkeit, was die Vitalität allerdings nur steigert.
Es ist noch nicht einmal 300 Jahre her, als es auch noch ganz normal war, für einen halbvergessenen und angemoderten Totenschädel (beispielsweise in den Katakomben von Santa Maria alla Sanitá) eine liebevolle Patenschaft zu übernehmen, indem man ihm einen imaginären Namen und eine erdachte Identität gab (der Name wurde auf den Schädel geschrieben) und für die Befreieung seiner Seele aus dem Fegefeuer betete, besonders die Frauen hingen dieser Art und Weise des Liebesdienstes am unbekannten Verstorbenen mit großem Eifer an. So entfachte es Stürme der Entrüstung, als viele der in diversen Katakomben (schließlich wollte man möglichst nahe den dortigen Gräbern frühchristlicher Heiliger und Märtyrer bestattet sein, um beim Jüngsten Gericht bessere Chancen zu haben, zum Leben wiederaufzuerstehen) verteilten Gebeine schließlich aufgrund der katastrophalen hygienischen Verhältnisse (z.B. häufigen Choleraepedemien) im großen Cimeterio delle Fontanelle, einem weitläufigen Ossuarium, zusammengstapelt wurden. Dieser Ort ist ebenfalls in der Sanitá gelegen, dem wohl heute noch am undurchschaubarsten und volkstümlichsten Stadtteil von Neapel, wobei diese Volkstümlichkeit im Gegensatz zum gleichen Begrifff im Deutschen dort alles andere als harmlos zu verstehen ist, der Stadtteil ist auch für Einheimische nicht ungefährlich, wer dort wohnt, bekommt abends keinen Besuch mehr von den Freunden.
Sanitá liegt außerhalb der ursprünglichen Stadtmauer, die noch zur Zeit der spanischen Herrschaft die Stadt abschloß, und ist auf den Resten der griechischen Nekropolis erbaut. Mit der Beisetzung des Heiligen San Gaudioso in den oben genannten Katakomben, wo später die Basilika Santa Maria della Sanitá entstand, um die vielen Pilger, die zum Grab kamen, aufzunehmen, begann sich ein kleiner, rasch anwachsender Wohnort rund um die Gräber zu entwickeln, dessen Bewohner von und mit dem Tod lebten.
Es ist nicht erstaunlich, dass die großen Vertreter neapolitanischer Kultur, wie z. B. der unvergessliche melancholische Komiker Toto, nicht selten aus diesem Stadtteil stammten, denn die Nähe zum Tod ist eine der charakteristischten Eigenschaft der neapolitanischen Geisteshaltung. Selbst wenn es heisst: „Dove siamo noi, non c’é la morte e dove c’é la moerte non ci siamo noi“ („Wo wir sind, ist nicht der Tod und wo der Tod ist, sind nicht wir“), ist damit doch eine ungeheure Akzeptanz der Gegenwart des Todes, der unserer Gegenwart ganz und gar gleichgestellt wird, ausgedrückt. Auch heute lieben und feiern die Neapolitaner ihre Toten, Allerheiligen mit seinem Verkehrschaos in Friedhofsnähe hat Volksfestcharakter und Prozessionen zu Ehren der geheiligten Märtyrer wie z. B. des Schutzheiligen San Gennaro haben ja in erster Linie auch mit der frohgelaunten Bejubelung von jahrhundertealten Knochensplittern, verkrustetem Blut und verdörrten Stimmorganen zu tun. Ebenfalls noch allerortens verbreitet ist die mir besonders kuriose Sitte unter süditalienischen Männern, sich beim Vorbeifahren eines Leichenwagens kurz aber herzhaft in den Schritt zu fassen, als Vergewisserung der eigenen Vitalität gewissermaßen……
Und so arrangiert man sich auch mit dem Tod, der im Alltag dieser Stadt so überaus present ist, nicht selten sind es schreckliche, „sinnlose“ (würden wir denken) Tode, die hier gestorben werden, vermeidbare Unfälle, die durch Fahrlässigkeit, Mutwillen und Risikofreude entstehen, Überfälle mit Totschlag, Erschießungen, die Hinrichtungen der Mafiabosse, alles auf offener Straße, schnell sind auch Unbeteiligte involviert. Das Sterben zum besseren Funktionieren zu überreden ist noch nicht wie bei uns gelungen, es fehlt an funktionierenden, abschirmenden Instiutionen, der Tod ist Alltag und zeigt sich ebenso allgegenwärtig wie Armut und Krankheit im Stadtbild, Vermeidungsstrategien gibt es kaum, das vorher erwähnte vorauschauende Handeln scheint unsinnig in der Nähe eines in Kürze aubrechenden Vulkanes, an dessen fruchtbaren Hängen immer weiter gebaut wird. Wer weiss schon, ob die Evakuierungspläne funktionieren werden, wenn schon das pünktliche Erscheinen einer Ambulanz am Unfallort einem Lotteriegewinn (an den freilich auch jeder standhaft glaubt) gleicht?